Montag, 29. August 2016

Mit Vollnarkose in den 40er

Vor kurzem hatte ich meine allererste Operation. Vollnarkose inklusive. 40 Jahre habe ich werden müssen, bis ich das erste Mal eine OP habe. Meine Gyn empfahl mir, der/die/das eben entdeckte Myom in der Gebärmutter gezielt entfernen zu lassen. Nach dem ersten Schreck und ein paar kleinere Panikattacken später, habe ich mich ins Spital begeben, um das mit denen zu besprechen. Die Dame bei der Anmeldung, obwohl sie wahrlich genug zu tun hatte, war sehr freundlich. Allerdings hat mir ihre Frage "Sollten Sie mal nicht ansprechbar eingeliefert werden, wer ist ihr Notfallkontakt?" doch etwas zu denken gegeben. Und zwar in der Hinsicht, dass man ev. eine Krankenvorgeschichte hat, die für Rettungssanitäter und/oder Ärzte von Interesse sein könnte. Oder Allergien, Unverträglichkeiten, Dinge auf die man aufpassen sollte oder Dinge, die womöglich in die richtige Richtung lenken, ohne viel Zeit zu verlieren. 

Kurzer Exkurs:
Es gibt wohl in einigen Handies eine Funktion in den Kontakten, wo man sowas eintragen kann und die man auch in gesperrtem Zustand lesen kann. Zwar habe ich jetzt in meinem eigenen Kontakt die wichtigsten Dinge notiert, aber, um sicher zu gehen, sollte man wohl eher ein Zetterl bei der e-Card im Geldtascherl haben.


Zurück:
Ich wurde also zum Vorgespräch mit der Ärztin geholt, die u.a. Folgendes zu mir sagte: "Nachdem Sie schon 40 sind, gehe ich davon aus, dass Ihr Kinderwunsch abgeschlossen ist." (Das war nicht mal als Frage formuliert) Etwas überrascht, ich: "Naja,... also... warum?" "Nun, weil ich dann bei der OP nicht so sehr aufpassen muss. Ich muss dabei ja die Gebärmutter dehnen und das kann ich dann bei Ihnen mehr, als, sagen wir, bei einer 20-jährigen, die mit ihrem Freund zu mir kommt und die Familienplanung noch vor sich hat. Eine Fehlgeburt ist wahrscheinlicher, wenn man die Gebärmutter so dehnt." 


Ich sehe euch beim Lesen nicht, aber ich vermute, euer Gesichtsausdruck entspricht so ziemlich dem meinigen, als ich das gehört habe...
Nach einem kurzen Moment: "Haben Sie das grade ernsthaft zu mir gesagt? Ich hoffe doch sehr und ich wünsche mir, dass Sie bei mir genauso gut aufpassen, wie bei einer 20-jährigen und nicht weniger, nur, weil ich *schon* 40 bin. Egal, ob ich Kinder will oder nicht."

Sie setzte gerade an, mir was von "natürlich passt sie auf" zu erzählen, als sie zu einem Notfall gerufen wurde und ein junger Assistenzarzt das Gespräch mit mir fertig führte. Der war sehr emotionslos, aber höflich und genau. Irgendwie habe ich auch mitbekommen, dass diese Ärztin mich ohnehin nicht operieren würde, weil sie wohl auf Urlaub ginge. Aber mir diese Information sicher einzuholen, habe ich nicht mehr geschafft. 
Man schickte mich dann noch zur Anästhesistin, die eher enttäuscht war davon, dass es bei mir nichts gäbe, worauf sie achten müsste, und nach etwa 5 Std war ich freigegeben zur OP. Kaum draußen aus dem KH, konnte ich die Tränen nicht mehr zurück halten. Der Gedanke an meine erste OP mit Vollnarkose, der halbe Tag im KH (das ich bisher nur von Besuchen kannte) und dann diese unglaublich taktlose Ärztin (Name der Redaktion bekannt) - das war zu viel für mich an diesem Tag. 



Bis zur OP eine Woche später, hatte ich mich allerdings wieder etwas beruhigt. Alle drei Ärzte, mit denen ich zuvor gesprochen habe, meinten, ich solle eine Nacht im KH bleiben. Also tucker ich um 6:30 früh, nüchtern und sehr nervös, mit meinem Köfferchen in das KH. Aufnahmegespräch, Bettzuweisung, ausziehen, Krankenhaushemd, Wegwerf-Höschen und Thrombose-Strümpfe anziehen. Danach war ich schon ziemlich müde - ich vermute, die machen das absichtlich.
Zugang legen: "Ist das einfach bei Ihnen?"
"Ich bin Blutspenderin, bisher hat sich noch niemand beschwert."
"Ihre Venen sind aber sehr dünn, pumpen Sie mal kräftig."
Ich pumpe. Und pumpe. Und pumpe.
"Oh, jetzt sprudelt's aber, hören'S auf zu pumpen." Und dann spür ich, wie sie meinen Arm abwischt. Ich hab ja gesagt, ich wäre Blutspenderin. Das Bett war versaut auf der linken Seite.

Der junge, emotionslose Arzt ist wieder da, stellt mir noch ein paar Fragen und hängt mich an den Tropf. Ich bekomme diverse Medikamente. Ob diese berühmten Wurschtigkeitspillen dabei sind, kann ich nicht sagen. Denn, wurscht ist es mir keineswegs, ich kann nur plötzlich nicht mehr flüssig sprechen. Nur ... noch ... sehr ... langsam. 

Man nimmt mir Brille und Teddy ab und fährt mit mir Richtung OP-Raum. Einerseits kann ich nicht mehr viel sehen (stark kurzsichtig), andererseits bin ich benebelt und hab ziemliche Angst.
"Die Frau HimBär ist da!" Zwei Köpfe beugen sich über mich, eine Frau und ein Mann. Der Mann stellt sich als Pfleger Erzengel (Name der Redaktion bekannt) vor. Ob alles in Ordnung ist, wollen sie wissen. Angst hab ich, weil das meine erste OP ist. Der Pfleger nimmt meine Hand und sagt, dass ich keine Angst haben muss. Er lässt sie übrigens nicht mehr los, meine Hand. Er hält sie, bis die Narkose mich ummantelt hat. Ich bin ihm noch heute dankbar dafür. 

Ob ich noch eine Frage habe. Frage habe ich keine, aber "bitte... die Ärztin beim Vorgespräch... hat gesagt... sie muss nicht... so aufpassen... weil ich... ich schon 40 bin... aber... ... bitte... ... behandeln Sie.... meine Gebärmutter.... wie eine.... eine... 20-jährige" (das raus zubekommen, war Schwerstarbeit) Beide zerkugeln sich vor Lachen und versichern mir, dass sie das weiter geben und aufpassen werden, dass meine Gebärmutter wie eine 20-jährige behandelt wird. Dann werde ich weiter gerollt (ich höre sie immer noch kichern) ein junger Anästhesie-Assistenzarzt beugt sich über mich. Ob ich zur Narkose noch eine Frage habe. Nein. Aber "...mein Kiefer knackst.... links... knackst er.... beim Mund.... aufmachen.... das.... das ist normal" Er sagt er wird darauf aufpassen.
Dann kommt ein großer Arzt herein, stellt sich als Primarius wasweißich vor, sucht meine Hand unter all den Tüchern und Heizdecken, die man zwischenzeitlich um mich gelegt hat. Er scheint gut gelaunt zu sein. Ich glaube, gut gelaunte Ärzte sind gut. Die riesigen, hellen Lichter über mir machen mir Angst. Mein Erzengel hält noch immer meine Hand. Der Anästhesist legt die Maske auf meinen Mund und sagt "atmen Sie ganz ruhig ein und aus, Frau HimBär". Ich atme ein. Ich spüre wie er zittert. Hat er auch Angst? Ist das auch seine erste OP? Ich atme aus.
"Guten Morgen Frau HimBär! Haben Sie gut geschlafen? Die OP ist komplikationslos verlaufen und ich kann Ihnen versichern, wir haben Ihre Gebärmutter wie eine 20-jährige behandelt." Mein Erzengel tätschelt mir die Hand. Mir kullern Tränen runter. Ich kann nichts dagegen machen. "Ohje, Frau HimBär, ist alles in Ordnung, haben Sie Schmerzen?" "Bissi" "Das kriegen wir gleich hin." Dann dröhnt er mich so zu, dass ich mich den Rest des Tages kaum noch von den Schmerzmitteln und der Narkose erhole. Es geht mir keineswegs schlecht, ich fühle mich nur gerädert, erschlagen und kaputt. Den Rest des Tages bin ich im Halbschlaf dahin gedämmert. 


Der übrige Tag verlief relativ ereignislos. Zum Mittagessen bin ich aufgewacht und hab es praktisch inhaliert, weil ich so hungrig war. Später am Nachmittag hab ich verstanden, dass es durchaus möglich ist, den Arm, in dem der Zugang steckt, abzubiegen. Obwohl ich zwischendurch geträumt habe, die Nadel würde sich einfach durchstechen und die Krankenschwestern wären deshalb etwas ratlos. Man hat mir dann Tage später erklärt, dass das, was da drin steckt, keine Nadel, sondern ein Schlauch ist. Daher kann man ihn auch abbiegen. Ja, sowas sollte man bei OP-Gesprächen auch dazu sagen. Kann ich ja nicht wissen. Und ich hab mich so geplagt, mich aufzusetzen, weil ich den Arm nicht abbiegen wollte...

Irgendwann meint die Schwester zu mir, nach dem Abendessen könne ich heim. Das überrascht mich jetzt ein wenig, weil mir doch drei Ärzte zuvor gesagt haben, es wäre ihnen lieber, ich bleibe eine Nacht. Naja, natürlich kann ich eine Nacht bleiben, sie werfen ja niemanden raus, aber normalerweise ist es schon so, dass alle nach der OP wieder heim gehen. Aber man hat mir gesagt, ich soll bleiben.
Aber sie hat die Information, ich gehe.
Aber ich hab ein Köfferchen mit. Ein Buch neben mir liegen. Hausschuhe unterm Bett. Ob sie glaubt, ich nehm das alles nur für ein paar Stunden mit.
Natürlich wirft man mich nicht raus, aber...
Ja, von mir aus. Ich ruf Papa an und sag ihm er soll mich am Abend holen.
Das Abendessen inhaliere ich auch noch. Unglaublich, wie hungrig so eine 45min-Vollnarkose macht. Dann rede ich noch mit dem Stationsarzt und frage, worauf ich noch achten muss.
Er hat gehört, ich wolle bleiben. Natürlich wirft man mich nicht raus, aber normalerweise...
...ist es schon so, dass alle nach der OP heim gehen. Ich weiß und da ich jetzt ohnehin schon angezogen bin, können wir das lassen und nur schnell besprechen, wie es weiter geht, weil so lange rum stehen kann ich wirklich nicht.
Ja, also, sie wollen mich sicher nicht rauswerfen. Ich darf (!) heim unter folgenden Bedingungen:
"Sie fahren nicht selber und nicht alleine heim" - "Ja, Papa steht schon und wartet"
"Sie sind heut Nacht nicht allein" - ... ... 

"Sie sind heut Nacht nicht allein!" - ... ..."Frau HimBär, Sie sind heut Nacht nicht allein?" - "Äh... reicht's wenn das Telefon am Nachtkastl liegt?"
Er scheint nicht glücklich. *Jetzt* will man mich offensichtlich doch nicht gehen lassen...?!
"Wie schnell dauert das, bis jemand bei Ihnen ist?"
"Naja, je nachdem wie schnell meine Eltern wach sind, wenn ich anrufe."
"Sie sind also alle in einem Haus?"
"Nein."
"... Frau HimBär? Sie dürfen heute Nacht nicht allein sein..."
Jetzt werde ich ungeduldig. Zuerst will man mich raus haben und dann muss ich stundenlang am Gang rumstehen und meine Wohnsituation mit einem viel zu gutaussehenden Arzt besprechen. Wäre ich etwas munterer (und hätte keine Brille auf gehabt, wäre nicht ungeschminkt und frisiert und überhaupt nicht auf einer gynäkologischen Krankenhausstation), hätte ich ihm vermutlich vorgeschlagen, mich zu begleiten.
Jaja, wir machen das schon, keine Panik. Was noch?
"Zwei Wochen keine Vollbäder" - "ok"

"Kein schwimmen" - "ok"
"Kein Sex" - ... ...
"Kein Sex!" - ... ...
"Frau HimBär? Kein Sex!" - "Herrjee, ja! Ich bin Single, *das* ist die leichteste Übung."
Er grinst. Ich darf jetzt gehen.


Freitag Abend. Ich hab dann bis ca. Sonntag Abend geschlafen. Mit kurzen Unterbrechungen (und die folgenden zwei Wochen habe ich mich selbstverständlich vorbildlich an alle Vorgaben gehalten!)

Meine allererste OP. Alles in Allem eine spannende (diese Sache mit der Vollnarkose finde ich immer noch faszinierend) und - dank der Protagonisten - eine sehr gute Erfahrung (bis auf die Ungeheuerlichkeit im Vorgespräch). 
Es ist alles gut verheilt, übrigens. Und die zwei Wochen sind seit einigen Wochen vorbei... Ich war schon schwimmen!